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Freitag,
9.11.2018
80 Jahre Reichspogromnacht

Die Nacht des Schreckens im südlichen Oberschwaben



Fragt uns - Wir sind die Letzten!

„Da hatten Sie dürfen kein Mitleid oder keine Betroffenheit groß zeigen, sondern müssen sagen: den Juden geschieht es gerade recht“,

so formuliert es einer der Zeitzeugen aus Ravensburg, die den Umgang mit Juden in Ravensburg, die Reichspogromnacht und die Zeit davor und danach als Kind erlebt haben. Es sind eine Frau und drei Männer, die der SWR-Hörfunk-Journalist Dirk Polzin über einen Zeitraum von einem halben Jahr über ihre Erinnerungen, Erfahrungen und auch Ängste rund um die Pogromnacht befragt hat. Teils weit über 90 Jahre alt, sind es in Ravensburg einige der letzten, die man noch fragen kann. In einem Feature wurden diese biographischen Zeugnisse der Ravensburger Öffentlichkeit zum ersten Mal am 9.11.2018 im ev. Matthäus-Gemeindehaus in Ravensburg präsentiert. Dirk Polzin mischte die Originaltöne der Zeitzeugen mit Hörspielszenen, audiophonen Eindrücken jener Zeit, aber auch mit schriftlichen Erinnerungen derer, die der Hass der Nationalsozialisten und seiner Mitläufer traf: die jüdische Familie Erlanger etwa, die es geschafft hat, noch mit dem letzten Schiff nach Palästina auszureisen, weg von der geliebten Heimat, weg von Ravensburg.

Dieses Feature "Fragt uns - Wir sind die Letzten!" ist jetzt in der SESAM Mediathek für Lehrkräfte in Baden-Württemberg online verfügbar.

Begegnung mit Pinchas Erlanger


Pinchas Erlanger im Gedenkraum
für die im Holocaust ermordeten Rexinger Juden

Pinchas Erlanger - ein Israeli aus Ravensburg
(8.8.1926 - 29.8.2007)

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Ravensburg anlässlich der Verleihung der Ehrenmedaille

Unsere Gesellschaft, die bewusst in ihrem Namen das Wort „Begegnung“ enthält, hat sich zum Ziel gesetzt, Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Weltanschauungen und Religionen, vor allem zwischen Juden und Christen, zu ermöglichen, um dadurch ein vertieftes gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Eine der Persönlichkeiten, die auf jüdisch-israelischer Seite entscheidend dazu beigetragen hat, diesem Ziel näher zu kommen, ist der in Ravensburg geborene Jude Peter (später Pinchas) Erlanger, der mit unserer Gesellschaft eng verbunden war. Martin Bubers Sinnspruch „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ könnte man als entscheidendes Leitmotiv über sein Leben setzen.

Peter Erlanger wurde 1926 als Sohn des Dr. agr. Ludwig Erlanger und seiner Frau Fanni in Ravensburg geboren. Auf der Burachhöhe bewirtschaftete sein Vater bis 1938 ein landwirtschaftliches Mustergut. Nachdem sich der Nationalsozialismus in Deutschland etabliert hatte, musste er, nach der Grundschule und dem ersten Gymnasialjahr, das Spohn-Gymnasium verlassen, weil er Jude war. Ähnlich erging es seiner Schwester Suse (heute Shoshana). Nach der Reichspogromnacht wurden seine Eltern gezwungen, den Burachhof weit unter Wert zu verkaufen. Im November 1939, d.h. schon nach Kriegsanfang, emigrierte die Familie mit dem letzten offiziellen Schiff in das damalige Palästina, wo sie in der von Rexinger Juden gegründeten Siedlung Shavey Zion (nördlich von Haifa) eine neue Heimat fand. Peter arbeitete zunächst als Melker und später als Bäcker. 1949 heiratete er Elma, eine junge Jüdin aus Ägypten, deren Eltern aus Griechenland stammten; das Paar bekam zwei Töchter. Von 1980 an arbeitete Pinchas, wie er sich jetzt nannte, an der Rezeption des Hotels der Siedlung und führte vor allem deutsche Israelbesucher durch den Moshav; darunter waren auch sehr häufig Gruppen aus Ravensburg. Durch diese Begegnungen entstanden zahlreiche deutsch-israelische Freundschaften, und Pinchas wurde zum vielgefragten Ansprechpartner vor allem für deutsche Gruppen.

Als Ursula und Werner Wolf auf Initiative der CJB eine Partnerschule in Israel suchten, vermittelte Pinchas Erlanger den ersten Kontakt zwischen der Amal-Schule in Nahariya und dem Welfen-Gymnasium Ravensburg sowie dem Gymnasium Weingarten. Eine Begegnung mit ihm in seinem kleinen Häuschen in Shavey Zion wurde für jede Austauschgruppe aus Ravensburg/Weingarten zu einem unvergesslichen Erlebnis. Durch seine Offenheit und differenzierte Argumentation bei zahlreichen Vorträgen und Diskussionsforen, vor allem auch vor Schülerinnen und Schülern, leistete Pinchas Erlanger einen wesentlichen Beitrag zu einem vertieften Dialog zwischen Juden und Deutschen. In seinem viel beachteten Vortrag „Über Aus- und/oder Versöhnung“, den er 2001 in der CJB hielt, wies er darauf hin, dass es eine „Versöhnung“ im eigentlichen Wortsinne solange nicht geben könne, wie Täter und Opfer noch leben; sehr wohl möglich sei jedoch eine als Prozess verstandene Aussöhnung in Wort und Tat zwischen Menschen, Völkern und Religionen. Als Zeichen der Aussöhnung pflanzte er im Hof des Spohn-Gymnasiums, das er mit 11 Jahren hatte verlassen müssen, einen „Baum der Begegnung und der Erinnerung“.

2006 verlieh ihm die Stadt Ravensburg die Ehrenmedaille der Stadt „für seine Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden. In Begegnungen und mit Vorträgen hat Pinchas Erlanger für das gegenseitige Verständnis viel erreicht. Durch sein Engagement hat er wesentlich zum erfolgreichen Schüleraustausch zwischen Nahariya und Ravensburg/Weingarten beigetragen.“ (Text der Urkunde)

Nur knapp ein Jahr nach dieser Ehrung (2007) starb unser Freund Pinchas im Alter von 81 Jahren.



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In seinen „Erinnerungen“ berichtet Pinchas Erlanger über seine „Jugend in Deutschland und die Auswanderung nach Palästina“.

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Vor den Oberstufenschülern des Spohn-Gymnasiums hält Pinchas Erlanger am 16. September 2004 einen Vortrag über seine „Schulzeit in Ravensburg“ im Schatten der nationalsozialistischen Diktatur.