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Begegnung mit Pinchas Erlanger


Pinchas Erlanger im Gedenkraum
für die im Holocaust ermordeten Rexinger Juden

Pinchas Erlanger - ein Israeli aus Ravensburg
(8.8.1926 - 29.8.2007)

Eintrag ins Goldene Buch der Stadt Ravensburg anlässlich der Verleihung der Ehrenmedaille

Flucht in die Heimat

Pinchas Erlanger - Einer von vielen...
- eine Filmteam-Produktion -
(2000)

Der folgende Film ist eine Dokumentation über den Lebensweg und das Schicksal von Pinchas Erlanger, einem Ravensburger Juden. Zeitzeugen vermitteln ein lebendiges Bild von seiner Kindheit und Jugend in Ravensburg zu Beginn des Dritten Reiches. Die Familie wird Opfer des Nazi-Regimes und muss nach Palästina auswandern. Bis zu seinem Tod lebt Pinchas in Shavey Zion in Nordisrael und wirkt aktiv an der Versöhnung zwischen Juden und Deutschen mit.

Entstanden ist der Film im Jahr 2000 im Rahmen der Projektarbeit der Israel-AG. Bei der Vorbereitung auf die Fahrt nach Israel setzt das Israelseminar einen Schwerpunkt auf die Auseinandersetzung mit dem Dritten Reich. In diesem Zusammenhang kam die Idee auf, exemplarisch an Hand einer jüdischen Familie aus Ravensburg das Schicksal der Juden in einem Dokumentarfilm zu verfolgen. Die Wahl fiel auf die Familie Erlanger, die in den dreißiger Jahren den Burach-Hof in Ravensburg bewirtschaftete und die 1939 schon nach Beginn des 2. Weltkrieges buchstäblich in letzter Sekunde nach Palästina fliehen konnte. Pinchas – damals noch Peter – war zu der Zeit dreizehn Jahre alt; um seine Geschichte sollte es gehen. Die drei Schülerinnen Julia Rist, Patricia Schlessmann und Dorothee Badent machten sich zunächst auf eine „Spurensuche vor Ort“; sie begannen ihre Arbeit im Ravensburger Archiv, fanden ehemalige Klassenkameraden von Pinchas, die gern zu einem Interview bereit waren, und filmten an den Originalschauplätzen oder stellten mit großem Aufwand bestimmte Schlüsselszenen nach. Der wichtigste Teil des Films, nämlich ausführliche Gespräche mit Pinchas selbst, wurde in Israel gedreht. Mit mehr als 10 Stunden Filmmaterial kehrte das Filmteam nach Deutschland zurück, wo die mühselige Kleinarbeit des Vertonens und des Schneidens begann. Am 20.12. 2000 konnte das fertige Werk das erste Mal der Öffentlichkeit im Ravensburger Rathaus präsentiert werden. Pinchas Erlanger selbst empfand diesen Film wie eine Wiedergutmachung für das erlittene Unrecht; er sagte später: "Es ist mir eine Genugtuung zu erleben, dass sich junge Menschen, die der dritten Nachkriegsgeneration angehören, so intensiv mit dem düsteren Abschnitt ihrer Geschichte auseinandersetzen. Meines Erachtens sind sie die wahre Antwort auf den neubraunen Spuk."

Die meisten Überlebenden des Holocaust sind heute - mehr als 70 Jahre nach Kriegsende -bereits verstorben. Umso wichtiger sind Dokumente wie der vorliegende Film, in dem sie selbst noch im Originalton und authentisch von ihrem Schicksal berichten.

Am 11.11.2001, zum Jahrestag der Reichspogromnacht, wurde der Film im Kulturzentrum "Linse" in Weingarten vor zahlreichem Publikum aufgeführt. Dorothee Badent und Patricia Schlessmann informierten die Zuschauer über die Hintergründe des Films, die mühsamen Recherchen und die eigentliche Filmarbeit. Pinchas Erlanger selbst kommentierte den Film über sein Leben in einer telefonischen Live-Schaltung direkt aus Shavey Zion.


Unsere Gesellschaft, die bewusst in ihrem Namen das Wort „Begegnung“ enthält, hat sich zum Ziel gesetzt, Begegnungen zwischen Menschen verschiedener Weltanschauungen und Religionen, vor allem zwischen Juden und Christen, zu ermöglichen, um dadurch ein vertieftes gegenseitiges Verständnis zu erreichen. Eine der Persönlichkeiten, die auf jüdisch-israelischer Seite entscheidend dazu beigetragen hat, diesem Ziel näher zu kommen, ist der in Ravensburg geborene Jude Peter (später Pinchas) Erlanger, der mit unserer Gesellschaft eng verbunden war. Martin Bubers Sinnspruch „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“ könnte man als entscheidendes Leitmotiv über sein Leben setzen.

Peter Erlanger wurde 1926 als Sohn des Dr. agr. Ludwig Erlanger und seiner Frau Fanni in Ravensburg geboren. Auf der Burachhöhe bewirtschaftete sein Vater bis 1938 ein landwirtschaftliches Mustergut. Nachdem sich der Nationalsozialismus in Deutschland etabliert hatte, musste er, nach der Grundschule und dem ersten Gymnasialjahr, das Spohn-Gymnasium verlassen, weil er Jude war. Ähnlich erging es seiner Schwester Suse (heute Shoshana). Nach der Reichspogromnacht wurden seine Eltern gezwungen, den Burachhof weit unter Wert zu verkaufen. Im November 1939, d.h. schon nach Kriegsanfang, emigrierte die Familie mit dem letzten offiziellen Schiff in das damalige Palästina, wo sie in der von Rexinger Juden gegründeten Siedlung Shavey Zion (nördlich von Haifa) eine neue Heimat fand. Peter arbeitete zunächst als Melker und später als Bäcker. 1949 heiratete er Elma, eine junge Jüdin aus Ägypten, deren Eltern aus Griechenland stammten; das Paar bekam zwei Töchter. Von 1980 an arbeitete Pinchas, wie er sich jetzt nannte, an der Rezeption des Hotels der Siedlung und führte vor allem deutsche Israelbesucher durch den Moshav; darunter waren auch sehr häufig Gruppen aus Ravensburg. Durch diese Begegnungen entstanden zahlreiche deutsch-israelische Freundschaften, und Pinchas wurde zum vielgefragten Ansprechpartner vor allem für deutsche Gruppen.

Als Ursula und Werner Wolf auf Initiative der CJB eine Partnerschule in Israel suchten, vermittelte Pinchas Erlanger den ersten Kontakt zwischen der Amal-Schule in Nahariya und dem Welfen-Gymnasium Ravensburg sowie dem Gymnasium Weingarten. Eine Begegnung mit ihm in seinem kleinen Häuschen in Shavey Zion wurde für jede Austauschgruppe aus Ravensburg/Weingarten zu einem unvergesslichen Erlebnis. Durch seine Offenheit und differenzierte Argumentation bei zahlreichen Vorträgen und Diskussionsforen, vor allem auch vor Schülerinnen und Schülern, leistete Pinchas Erlanger einen wesentlichen Beitrag zu einem vertieften Dialog zwischen Juden und Deutschen. In seinem viel beachteten Vortrag „Über Aus- und/oder Versöhnung“, den er 2001 in der CJB hielt, wies er darauf hin, dass es eine „Versöhnung“ im eigentlichen Wortsinne solange nicht geben könne, wie Täter und Opfer noch leben; sehr wohl möglich sei jedoch eine als Prozess verstandene Aussöhnung in Wort und Tat zwischen Menschen, Völkern und Religionen. Als Zeichen der Aussöhnung pflanzte er im Hof des Spohn-Gymnasiums, das er mit 11 Jahren hatte verlassen müssen, einen „Baum der Begegnung und der Erinnerung“.

2006 verlieh ihm die Stadt Ravensburg die Ehrenmedaille der Stadt „für seine Verdienste um die Aussöhnung zwischen Deutschen und Juden. In Begegnungen und mit Vorträgen hat Pinchas Erlanger für das gegenseitige Verständnis viel erreicht. Durch sein Engagement hat er wesentlich zum erfolgreichen Schüleraustausch zwischen Nahariya und Ravensburg/Weingarten beigetragen.“ (Text der Urkunde)

Nur knapp ein Jahr nach dieser Ehrung (2007) starb unser Freund Pinchas im Alter von 81 Jahren.



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In seinen „Erinnerungen“ berichtet Pinchas Erlanger über seine „Jugend in Deutschland und die Auswanderung nach Palästina“.

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Vor den Oberstufenschülern des Spohn-Gymnasiums hält Pinchas Erlanger am 16. September 2004 einen Vortrag über seine „Schulzeit in Ravensburg“ im Schatten der nationalsozialistischen Diktatur.